SPD Fraktion Gemeinde Haina (Kloster)

Löhlbacher Dorfplatz als Beispiel für soziale Orte

Veröffentlicht am 07.12.2020 in Allgemein

Frau Professorin  Neu und Frau Ljubica Nikolic vom „Projekt SOK – Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ der Universität Göttingen, Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume, schreiben derzeit an einem Artikel für ein österreichisches Magazin. Die beiden Frauen werden dort das Soziale-Orte-Konzept vorstellen, die Sozialen Orte in Waldeck-Frankenberg portraitieren und auf die Veränderungen, Bedrohungen aber auch positiven Auswirkungen der Pandemie eingehen. Einer dieser sozialen Orte, mit denen sich die Uni bereits mehrfach befasst hat, wird der Dorfplatz in Löhlbach sein. Löhlbach goes also nun auch Österreich!

Bezüglich der aktuellen Situation wurde deshalb ein Interview mit Bürgermeister Alexander Köhler geführt:

Fr.Niklolic:

Wie steht es um die von uns portraitierten Sozialen Orte in Zeiten der Corona-Pandemie? Sind sie in der Existenz bedroht? Wenn ja, warum genau? Welche Rahmenbedingungen haben sich verändert? Welche Hilfe würden sie benötigen? Sind vielleicht durch die Krise sogar neue Soziale Orte entstanden?

Bgm Köhler:

Die im Zuge der Corona-Pandemie verordneten Einschränkungen haben natürlich auch Auswirkungen auf unseren Dorfplatz im Ortsteil Löhlbach. Das soziale Miteinander ist praktisch seit März 2020 auf ein Minimum zurückgefahren. Größere Zusammenkünfte und Feierlichkeiten, für die der Dorfplatz mitunter sehr gerne genutzt worden ist, konnten leider nicht stattfinden. Allerdings ist und bleibt der Dorfplatz, auch oder vielleicht sogar gerade wegen der Corona-Einschränkungen, ein wichtiger Treffpunkt der Bürgerinnen und Bürger vor Ort. Der vorhandene Lebensmittelmarkt, und damit auch der Dorfplatz, wird weiterhin stark frequentiert. Vielen Menschen ist anzumerken, dass sie für ein kurzes Gespräch –an der frischen Luft und unter Einhaltung der Abstands- und Maskenpflicht- sehr dankbar sind und diese Gelegenheit auch nutzen.

Fr.Nikolic:

Hat sich das Engagement in der Gemeinde durch die Pandemie verändert? Sind neue Unterstützungsangebote entstanden? Sind Angebote versiegt, da man Kontakt meidet? Oder sind analoge Kontakte digitalisiert worden?

Bgm Köhler:
Positiv hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang sicherlich die spontane Hilfsaktion der örtlichen Vereine, die unmittelbar nach dem ersten Lockdown eine Einkaufshilfsaktion für ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger ins Leben gerufen haben. Feststellen lässt sich aber auch, dass diese Aktion nur geringfügig in Anspruch genommen wurde. Ich führe dies jedoch nicht auf fehlendes soziales Miteinander zurück, sondern sehe mich eigentlich in meiner Auffassung bestätigt, dass die Hilfsbereitschaft „auf dem Lande“ –durch Verwandte, Bekannte und Nachbarn- schon immer sehr ausgeprägt war. Auf dem Dorf steht man in der Krise zusammen !
Digitalisiert wird in erster Linie die Arbeitswelt. Auf der Gemeindeverwaltung ist ein deutlicher Trend zur Umgestaltung verschiedener Prozesse und auf eine Minimalisierung der persönlichen Kontaktaufnahme zu den Bürgerinnen und Bürgern erkennbar.

Fr.Nikolic:

Wie schätzen Sie den Standortvorteil „Natur, Ruhe und Platz“ im ländlichen Raum in Zeiten der Pandemie ein? Oder hat die Pandemie Standortnachteile, wie den Fachärztemangel, die langen Wege, Breitbandausstattung in Zeiten von Homeschooling und Homeoffice usw. sogar noch verschärft?
Bgm Köhler:

Der Landkreis Waldeck-Frankenberg hat, gemeinsam mit zwei weiteren nordhessischen Landkreisen, schon sehr früh den Breitbandausbau in Eigenregie vorangetrieben. Dieses Engagement kommt uns nunmehr zu Gute. Eine Tendenz „Aus dem Zentrum – zurück auf´s Dorf“ ist in Ansätzen erkennbar, lässt sich aber leider noch nicht durch entsprechende Zahlen belegen. Ich kann aber bestätigen, dass die Nachfrage nach Baugrundstücken und Immobilien mittlerweile deutlich angestiegen ist. Sicherlich auch begründet durch die Bedürfnisse „Natur, Ruhe und Platz“, die aufgrund der Corona-Einschränkungen an Bedeutung gewonnen haben.

Fr.Nikolic:

Hat sich an der Infrastruktur (sowohl technisch als auch sozial) in der Gemeinde etwas verändert seit Corona?
Bgm Köhler:

Hier würde ich nicht zwingend die Corona-Pandemie als Auslöser für eine Veränderung in technischer, und damit auch in enger Verbindung zur sozialen Infrastruktur sehen. Diese Entwicklung ist der ohnehin voranschreitenden gesellschaftlichen Veränderung geschuldet. Corona trägt hier lediglich nochmals zu einer Beschleunigung dieses Prozesses bei.

Fr.Nikolic:

Hat sich die Rolle der Verwaltung verändert?
Bgm Köhler:

Zu Beginn der für alle Beteiligten schwierigen und teilweise bis zum heutigen Tage noch nicht vollumfänglich verständlichen Situation wurde die Verwaltung als starker Impulsgeber gesucht und auch als solcher wahrgenommen. Verordnungen mussten interpretiert und zum Wohle und zum Schutz der Allgemeinheit umgesetzt werden. Mittlerweile nimmt die Verwaltung eine eher begleitende Rolle ein. Durch die vermehrt von den Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommenen telefonischen und digitalen Kontaktaufnahme, steht hier ein weiterer Wandel unmittelbar bevor.  

Fr.Nikolic:

Glauben Sie, dass die Pandemie den gesellschaftlichen Zusammenhalt eher fördert oder gefährdet? Was macht das mit dem Dorf-Alltag, wenn Kirche, Sport, Kneipe und Verein wegfallen?
Bgm Köhler:

Natürlich sehe auch ich die Gefahr, dass sich der Dorf-Alltag negativ verändern könnte. Gelingt es den Sportvereinen und der Kirche, ihre Mitglieder nach überstandener Krise wieder vollumfänglich zu motivieren ? Kann die örtliche Gastronomie die Einnahmeverluste kompensieren und somit wirtschaftlich überleben ?
Aber diese Krise muss aus meiner Sicht auch als Chance erkannt werden. Den Bürgerinnen und Bürgern ist sicherlich in den letzten Monaten bewusst geworden, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt ist. Das Verlangen nach sozialen Kontakten, nach gemeinsamen Aktivitäten, nach den dorftypischen Vereinsfesten und Feierlichkeiten ist sehr hoch. Dies stimmt mich sehr Zuversichtlich, dass die Pandemie –sofern es uns gelingt, die wirtschaftlichen Aspekte (bewusst) auszublenden- letztendlich auch positive Auswirkungen haben wird.

 

Herzlichen Dank für dieses Gespräch; Ljubica Nikolic  

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